Ein Gedicht 1

Das Ende der Kritik ist der Anfang des Hasses
Die Kritik ist kaputt. Ihrer Sprengkraft beraubt der unfassbaren Dummheit wegen. Als müsste man noch irgendjemandem erklären, wie elend es um die Welt bestellt ist. Als würde die korrekte Kritik des Immergleichen dieses Immergleiche auch nur einen Moment tatsächlich berühren. Als könne die Erkenntnis das Elend abschaffen, das sich auf den Strassen und in den Wohnungen gegenseitig über den Haufen schiesst. Während in den Studierkammern die Köpfe rauchen, brennt die Welt. Das Flugblatt zum Krieg trifft die Herzen der Menschen weit weniger als die Bomben und Gewehrkugeln die Köpfe ihrer Opfer. Die Leute sind zu sehr damit beschäftigt, sich im wahrsten Sinne des Wortes durchzuschlagen. Es ist der Hass, der uns beherrscht. Er sitzt fest in unseren Hinterköpfen. Wir lernen schon mit dem Öffnen unserer Augen, dass jeder ein potentieller Feind ist. Dass man sich um irgendwohin zu kommen gegen den Rest durchschlagen muss. Unsere Ellbogen werden an Stelle unserer Herzen in Kindergarten, Schule und Lehre gefördert. Und doch verachtet und bestraft man uns, wenn wir uns entsprechend verhalten. Man versteht nicht, wieso das Opfer, das am Boden liegt, noch lange nicht fertig ist. Man versteht nicht, warum Verachtung und Hass unser Leben bestimmen. Ganz als wollten wir das so und wären nicht bei Strafe des Untergangs gezwungen uns diesen Ritualen zu unterwerfen. Sie nicht nur in Blut und Fleisch übergehen zu lassen, sondern sie zu potenzieren. Das Ende des Hasses; der Anfang der Kritik?


7 Antworten auf „Ein Gedicht 1“


  1. 1 Schmidt 18. September 2009 um 23:39 Uhr

    Hass? tatsächlich? — in den Gesichtern falscher Freundinnen und Freunde ist stets nur Angst zu sehen, während sie panisch aufgerissener Augen, Ertrinkenden gleich, gegenseitig sich tiefer zerren und treten ins Meer des gesellschaftlichen Tiefschlafs. Für diese sind die Hoffnungslosen um der Hoffnung willen, ihrer! – und sieh, wenn sie von Mitleid reden, da blinzeln sie!

    Das Ende des Hasses ist der Anfang des Opportunismus. Und motiviert den Opportunismus nicht letztlich die Hoffnung, sich leidlos am Leiden anderer zu halten?

    Mitleid?! — das, Genosse, ist uns nicht mehr möglich.

    Nurmehr Hass! – und der muss allererst noch gründlich gelernt werden.

  2. 2 schorsch 23. Oktober 2009 um 0:25 Uhr

    Ich weiß ja nicht, inwieweit du GSPler bist und das Gedicht als solches bescheuert findest – also das Zeug oben als Kritik durch Darstellung verstehst. Ansonsten fühle ich mich an eine Diskussion erinnert, in der du noch andere Töne angestimmt hast – und jetzt den Moralisten machst?

  3. 3 Tioum 23. Oktober 2009 um 16:58 Uhr

    Das ist schon so zu verstehen, wie es da steht.
    Mal davon abgesehen, dass der Hass tatsächlich auch ein Motor revolutionärer Umtriebe sein kann.

  4. 4 schorsch 25. Oktober 2009 um 20:44 Uhr

    Also eine Verschärfung deiner Position in dieser „Reichenhass“ Debatte? Oder bist du dir selber nicht sicher (letzter Satz)? Wenn dem so ist, finde ich die Frage produktiv – an meiner Position bzgl. des Neidmoments im antisemitischen Ressentiment hat sich nichts geändert, aber es wäre ja ein Hass denkbar, der auf einer Schiene des Neides verläuft – also einer Regung, die – mal platt gesagt – Reichtum nicht verbieten und verbitten will (wie der Antisemit), sondern begehrt und daher neidet.

  5. 5 Tioum 26. Oktober 2009 um 4:25 Uhr

    Sicher bin ich mir nicht, da ich den Leuten nicht in den Kopf schauen kann. Ich würde aber behaupten, dass es entscheidend ist, an was sich der Hass entzündet und gegen wen oder was er sich richtet.

  6. 6 Akhnaten KL 01. Januar 2010 um 18:17 Uhr

    Ihr Lieben, gibt es so etwas wie einen inhaltslosen Hass überhaupt ?

  7. 7 schorsch 01. Januar 2010 um 19:54 Uhr

    Warum denn inhaltsloser Hass? Hass gegen ein Abstraktum – Unterdrückung, Ausbeutung, … – ist ja nicht inhaltsleer; es wäre die Frage, inwiefern Hass als intentionaler Hass – also Hass immer nur als Hass gegen etwas Bestimmtes – notwendigerweise auf etwas Konkretes gerichtet sein muss. Dann wäre Hass nocheinmal ganz anders zu diskutieren.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.