Archiv für Oktober 2009

Arbeit macht tot

Bei der französischen Telecom ist es in einer Phase der «Restrukturierung» des Unternehmens zu einer Selbstmordwelle gekommen: In den vergangenen 18 Monaten nahmen sich 23 Angestellte das Leben. Kürzlich stürzte sich eine 32-jährige Frau während der Arbeit aus dem Fenster. Ein Kollege hatte sich wenige Tage zuvor vor Mitarbeitern ein Messer in den Bauch gerammt, weil er einen anderen Posten übernehmen sollte. Und um jeden Zweifel an der Schuld der Arbeitssituation auszuräumen, hatte ein Mann vor seinem Suizid einen Brief aufgesetzt, in welchem er die Belastung durch die neuen Arbeitszeiten und die Versetzung in einen Vorort von Strassburg beklagt.


Steine gegen Scheiben statt um den Hals!

Eine fatale Tendenz: Auf das Unerträgliche der täglichen Plackerei und ihrer Verschärfung wird nicht mehr mit Verweigerung oder Aufbegehren reagiert, sondern mit der Liquidierung der eigenen Funktionsunfähigkeit in der Auslöschung der eigenen Person. Hierin zeigt sich – und das dürfte keine allzu neue Erkenntnis sein – die Verinnerlichung von Leistungszwängen und der Konsequenzen bei ihrer Nichterfüllung. Jeder sein eigenes «Staatssubjekt Kapital» würde Gehard Scheit heideggern und hätte damit zur Hälfte recht. Das Halbrichtige ist aber das ganz Falsche: Denn um den Schluss zu ziehen, dass bloss noch der Selbstmord einen Ausweg darstellt, ist ganz wesentlich die subjektive Perspektivenlosigkeit vorausgesetzt. Diese aber resultiert aus der praktischen Abwesenheit revolutionärer Perspektive. Oder anders gesagt: Der Grund, weshalb diese Leute nicht gegen das bestehende Elend aufbegehren, liegt weniger in ihrer subjektiven Einfühlung ins Kapital als vielmehr in der faktischen Unmöglichkeit den Zwängen zu entrinnen. Der Zynismus der Realität liegt darin, dass ganz offensichtlich viele Leute die täglichen Anforderungen ganz einfach nicht mehr aushalten aber in ihrer Vereinzelung keine kollektive Lösung mehr erkennen können und so den einzigen individuellen Ausweg aus der Totalität des Kapitals suchen: Den Tod.

Ein Märchen

Nachdem sich am Dienstag weitere Betriebe der Streikbewegung angeschlossen hatten, begannen sich ab Mittwoch auf den Straßen wie an den Arbeitsplätzen Versammlungen zu bilden. Viele kleine Dinge wurden gleich umgesetzt, wie die Sicherung der Wasserversorgung durch Arbeitsbrigaden von den Fachschaften Biologie und Chemie zusammen mit den Streikenden der Rheinenergie; die Besetzung leerstehender Häuser mit tatkräftiger Hilfe rumänischer und weißrussi­scher Bauarbeiter, deren massenhafte Anwesenheit in der Stadt bisher niemandem aufgefallen war und mit denen sich auf den Ver­sammlungen dank einiger Studentinnen der Slavistik spannende Diskussionen über Lehm- und Trockenbau entwickelten; oder die Verlegung des Sonic Ballroom in die WDR-Studios. Natürlich tauchten auch die »großen Fragen« auf: Wie es auf den anderen Kontinenten aussehe, ob sich in Zusammenarbeit mit somalischen Piraten und subversiven GIs die angedrohte Verlegung der 6. Flotte auf den Rhein verhindern ließe, und überhaupt, wie das Zusammenleben von sieben Milliarden auf einer blauen Kugel ohne Geld vernünftig eingerichtet werden könnte …

Aus einem Märchen aus der Kölner Stadtrevue