Arbeit macht tot

Bei der französischen Telecom ist es in einer Phase der «Restrukturierung» des Unternehmens zu einer Selbstmordwelle gekommen: In den vergangenen 18 Monaten nahmen sich 23 Angestellte das Leben. Kürzlich stürzte sich eine 32-jährige Frau während der Arbeit aus dem Fenster. Ein Kollege hatte sich wenige Tage zuvor vor Mitarbeitern ein Messer in den Bauch gerammt, weil er einen anderen Posten übernehmen sollte. Und um jeden Zweifel an der Schuld der Arbeitssituation auszuräumen, hatte ein Mann vor seinem Suizid einen Brief aufgesetzt, in welchem er die Belastung durch die neuen Arbeitszeiten und die Versetzung in einen Vorort von Strassburg beklagt.


Steine gegen Scheiben statt um den Hals!

Eine fatale Tendenz: Auf das Unerträgliche der täglichen Plackerei und ihrer Verschärfung wird nicht mehr mit Verweigerung oder Aufbegehren reagiert, sondern mit der Liquidierung der eigenen Funktionsunfähigkeit in der Auslöschung der eigenen Person. Hierin zeigt sich – und das dürfte keine allzu neue Erkenntnis sein – die Verinnerlichung von Leistungszwängen und der Konsequenzen bei ihrer Nichterfüllung. Jeder sein eigenes «Staatssubjekt Kapital» würde Gehard Scheit heideggern und hätte damit zur Hälfte recht. Das Halbrichtige ist aber das ganz Falsche: Denn um den Schluss zu ziehen, dass bloss noch der Selbstmord einen Ausweg darstellt, ist ganz wesentlich die subjektive Perspektivenlosigkeit vorausgesetzt. Diese aber resultiert aus der praktischen Abwesenheit revolutionärer Perspektive. Oder anders gesagt: Der Grund, weshalb diese Leute nicht gegen das bestehende Elend aufbegehren, liegt weniger in ihrer subjektiven Einfühlung ins Kapital als vielmehr in der faktischen Unmöglichkeit den Zwängen zu entrinnen. Der Zynismus der Realität liegt darin, dass ganz offensichtlich viele Leute die täglichen Anforderungen ganz einfach nicht mehr aushalten aber in ihrer Vereinzelung keine kollektive Lösung mehr erkennen können und so den einzigen individuellen Ausweg aus der Totalität des Kapitals suchen: Den Tod.


4 Antworten auf „Arbeit macht tot“


  1. 1 Phineas Freak 28. November 2009 um 19:45 Uhr

    Als Ursache für das Fehlen von Verweigerung und Aufbegehren wird die „Verinnerlichung von Leistungszwängen und der Konsequenzen bei Nichterfüllung“, also die erfolgreiche Implementierung herrschender Moral vorstellig gemacht, die immer häufiger in der Selbsttötung als Antwort auf die Unerträglichkeit der „Arbeitswelt“ ihren letzten traurigen Ausdruck findet.
    Da kann ich noch folgen.

    Wenn aber diese durchgesetzte Subjektivität der Leute mit dem Inhalt Perspektivlosigkeit Voraussetzung für die Selbstauslöschung ist, folgt daraus doch erstmal nur, dass ihre Subjektivität auch der Grund ist für die angenommene „faktische Unmöglichkeit den Zwängen zu entrinnen“.

    Wäre die Aussage „die faktische Unmöglichkeit den Zwängen zu entrinnen“ wahr und unabänderliche Realität, wäre der Selbstmord hier doch die Konsequenz (ob eine Selbsttötung generell richtig oder falsch sei, steht ja noch gar nicht zur Debatte) einer sehr objektiven Wahrnehmung über „die Totalität des Kapitals“.
    Und die „kollektive Lösung“ oder „revolutionäre Perspektive“ ist ja kein Angebot und keine für immer ausverkaufte und nicht mehr vorhandene Ware auf dem Markt der Gesellschaftsmodelle, sondern immer und ausschließlich der individuelle Wille sich zusammenschließender geschädigter Einzelner, den destruktiven Ansprüchen der „Arbeitswelt“ unmittelbar was entgegenzusetzen – z. B. auch durch „Verweigerung“ und „Aufbegehren“ und nicht durch Selbstauslöschung.

    Die Ursache für die massenweise vorkommenden Selbsttötungen anstatt unmittelbare Rebellion bei den französischen Kollegen ist demnach also noch gar nicht geklärt: nämlich wie die Vermittlung und Annahme („Verinnerlichung“) herrschender Moral auf eine so mörderische Weise erfolgreich ist. Der Hinweis auf die „Vereinzelung“ der modernen Konkurrenz – und Leistungsmaschine reicht da überhaupt nicht aus.
    Auch eine komplette Unkenntnis von Marx und Co ist kein Erklärungsrund warum einer nicht „Amok“ laufen und sich stattdessen umbringen sollte.

  2. 2 Akhnaten KL 01. Januar 2010 um 18:13 Uhr

    Ihr beiden geht mir nicht weit genug : Der Selbstmörder hat zwar gewiss „herrschende Moral verinnerlicht“, muss aber erst noch sich selbst als lebensunwert erklären und daraus die tödlichen Konsequenzen ziehen. Das ist, bei aller Liebe, die Anwendung faschistischer Logik an sich als selber.

  3. 3 bigmouth 01. Januar 2010 um 19:20 Uhr

    muss der überhaupt nicht. der muss nur subjektiv seine situation für furchtbar & auswegslos erachten

  4. 4 Phineas Freak 03. Januar 2010 um 16:45 Uhr

    Ja und?
    Die Frage war die nach den Gründen und (selbst)mörderischen „Erfolgskriterien“ einer durchgesetzten und herrschenden Subjektivität der französischen Kollegen – nämlich „die faktische Unmöglichkeit den Zwängen zu entrinnen“ als wahre und unabänderliche Realität zu fressen, die jede UNMITTELBARE praktische Renitenz gegen die unzumutbaren Verhältnisse vorauseilend und mit grausamer Regelmäßigkeit auslöscht – bis hin zur Selbstauslöschung. Der Verweis auf eine vermeintliche oder existierende „faschistische Logik“ erklärt da überhaupt nichts.

    Das „die Liebe zur gut durchgeführten Arbeit und der Wunsch nach einem Vorwärtskommen in der Arbeit heute“ nicht nur „unauslöschliche Zeichen von Schlappheit und allerdümmster Unterwerfung“ (Raoul Vaneigem) sind, sondern in diesem wahnwitzigen moralischen Strukturalismus auch schon die Saat für die Selbstauslöschung angelegt sein kann, die „klimatisierte Vorhalle des Todes“ (Vaneigem) zu verlassen, um den Tod hundertprozentig zu machen, wäre zumindest bedenkenswert.

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