Archiv der Kategorie 'Dichtung'

Ein Märchen

Nachdem sich am Dienstag weitere Betriebe der Streikbewegung angeschlossen hatten, begannen sich ab Mittwoch auf den Straßen wie an den Arbeitsplätzen Versammlungen zu bilden. Viele kleine Dinge wurden gleich umgesetzt, wie die Sicherung der Wasserversorgung durch Arbeitsbrigaden von den Fachschaften Biologie und Chemie zusammen mit den Streikenden der Rheinenergie; die Besetzung leerstehender Häuser mit tatkräftiger Hilfe rumänischer und weißrussi­scher Bauarbeiter, deren massenhafte Anwesenheit in der Stadt bisher niemandem aufgefallen war und mit denen sich auf den Ver­sammlungen dank einiger Studentinnen der Slavistik spannende Diskussionen über Lehm- und Trockenbau entwickelten; oder die Verlegung des Sonic Ballroom in die WDR-Studios. Natürlich tauchten auch die »großen Fragen« auf: Wie es auf den anderen Kontinenten aussehe, ob sich in Zusammenarbeit mit somalischen Piraten und subversiven GIs die angedrohte Verlegung der 6. Flotte auf den Rhein verhindern ließe, und überhaupt, wie das Zusammenleben von sieben Milliarden auf einer blauen Kugel ohne Geld vernünftig eingerichtet werden könnte …

Aus einem Märchen aus der Kölner Stadtrevue

Armut 1

Eine höchst merkwürdige Sache – solch ein erster Kontakt mit der Armut. Soviel hat man über die Armut nachgedacht – sie ist das, was man im Leben immerzu gefürchtet hat, das, von dem man weiss, dass es früher oder später eintreffen würde; und dann ist es so alltäglich, so durch und durch anders als die eigenen Vorstellungen. Man dachte, es wäre alles ganz einfach; es ist aussergewöhnlich kompliziert. Man dachte es wäre schrecklich; es ist nur schmutzig und langweilig. Es ist das so besonders Erniedrigende, das man an der Armut zu allererst bemerkt; die Veränderungen, denen sie einen unterwirft, die komplizierte Filzigkeit, das Entkrusten.
Man entdeckt beispielsweise die Geheimniskrämerei, die mit dem Armsein eng verbunden ist. Plötzlich und auf einen Schlag ist man auf ein Tageseinkommen von sechs Francs reduziert worden. Aber natürlich wagt man das nicht zuzugeben – man hat so zu tun, als lebe man ganz wie immer. Von Anfang an wird man in ein Netz aus Lügen verwickelt, und sogar mit Lügen ist das ganze kaum zu bewerkstelligen. Man hört auf, Wäsche zur Wäscherei zu geben; also trifft einen bald die Wäschefrau auf der Strasse und fragt nach dem Grund; man murmelt irgendetwas, und sie, die natürlich glaubt, man gäbe die Wäsche woandershin, wird für einen zum lebenslangen Feind. Der Tabakhändler fragt immer und immer wieder, warum man seine Ration heruntergeschraubt habe. Da sind Briefe, die beantwortet werden sollten, aber man kann nicht, weil die Briefmarken zu teuer sind. Und dann die Mahlzeiten – die Mahlzeiten sind überhaupt das allergrösste Problem…
(Georg Orwell; Erledigt in Paris und London)

Ein Gedicht 1

Das Ende der Kritik ist der Anfang des Hasses
Die Kritik ist kaputt. Ihrer Sprengkraft beraubt der unfassbaren Dummheit wegen. Als müsste man noch irgendjemandem erklären, wie elend es um die Welt bestellt ist. Als würde die korrekte Kritik des Immergleichen dieses Immergleiche auch nur einen Moment tatsächlich berühren. Als könne die Erkenntnis das Elend abschaffen, das sich auf den Strassen und in den Wohnungen gegenseitig über den Haufen schiesst. Während in den Studierkammern die Köpfe rauchen, brennt die Welt. Das Flugblatt zum Krieg trifft die Herzen der Menschen weit weniger als die Bomben und Gewehrkugeln die Köpfe ihrer Opfer. Die Leute sind zu sehr damit beschäftigt, sich im wahrsten Sinne des Wortes durchzuschlagen. Es ist der Hass, der uns beherrscht. Er sitzt fest in unseren Hinterköpfen. Wir lernen schon mit dem Öffnen unserer Augen, dass jeder ein potentieller Feind ist. Dass man sich um irgendwohin zu kommen gegen den Rest durchschlagen muss. Unsere Ellbogen werden an Stelle unserer Herzen in Kindergarten, Schule und Lehre gefördert. Und doch verachtet und bestraft man uns, wenn wir uns entsprechend verhalten. Man versteht nicht, wieso das Opfer, das am Boden liegt, noch lange nicht fertig ist. Man versteht nicht, warum Verachtung und Hass unser Leben bestimmen. Ganz als wollten wir das so und wären nicht bei Strafe des Untergangs gezwungen uns diesen Ritualen zu unterwerfen. Sie nicht nur in Blut und Fleisch übergehen zu lassen, sondern sie zu potenzieren. Das Ende des Hasses; der Anfang der Kritik?