Archiv der Kategorie 'Kritik'

Zerschlagt die Universität!

In Wien und anderswo besetzen Studenten ihre Universität und fordern allerhand. Per Livestream kann man ihnen dabei zusehen. Aus diesem Anlass sei hier auf den älteren Text «Zerschlagt die Universität» von André Gorz hingewiesen, der sich mit der Funktion der Elitebildungsanstalten im Kapitalismus auseinandersetzt:
«Die Linke hat nie gegen die klassenmäßigen Auswahlkriterien gekämpft – sie hätte dann gegen die Auswahl selbst und das Schulsystem als Ganzes kämpfen müssen, sondern sie kämpfte für das Recht aller, in die Auswahlmaschine eintreten zu dürfen. Der widerspruchsvolle Charakter dieser Forderung blieb solange verborgen, als das Recht zwar theoretisch allen offen stand, die überwiegende Mehrzahl aber keine Möglichkeit hatte, praktisch davon Gebrauch zu machen. In dem Augenblick aber, wo mithilfe einer weiterverbreiteten Bildung es für die meisten möglich wird, von einem in der Theorie bestehenden Recht praktisch Gebrauch zu machen, wird der Widerspruch deutlich: wenn die Mehrzahl zu den Hochschulen Zugang erhält, verlieren diese ihre Funktion als Instrument der Auslese. Das Recht, studieren zu dürfen und das Recht, die soziale Stufenleiter empor zu klettern, laufen nicht mehr parallel. Wenn auch vielleicht noch alle studieren können, so können jedenfalls keineswegs mehr alle auch mit einer privilegierten Stellung rechnen.»


Dann selektiert halt der Arbeitsmarkt.

Launigeres über das ganz gewöhnliche Elend im Studentenmilieu hat die Situationistische Internationale zu sagen:
«Da für ihn noch einige Krümel vom Prestige der Universität abfallen, freut sich der Student immer noch, Student zu sein. Zu spät. Der mechanisierte und spezialisierte Unterricht, den er empfängt, ist ebenso heruntergekommen wie sein eigenes intellektuelles Niveau im Augenblick seines Studienantritts, aus der einzigen Tatsache heraus, daß das alles beherrschende ökonomische System die Massenhestellung ungebildeter und zum Denken unfähiger Studenten verlangt.»

Arbeit macht tot

Bei der französischen Telecom ist es in einer Phase der «Restrukturierung» des Unternehmens zu einer Selbstmordwelle gekommen: In den vergangenen 18 Monaten nahmen sich 23 Angestellte das Leben. Kürzlich stürzte sich eine 32-jährige Frau während der Arbeit aus dem Fenster. Ein Kollege hatte sich wenige Tage zuvor vor Mitarbeitern ein Messer in den Bauch gerammt, weil er einen anderen Posten übernehmen sollte. Und um jeden Zweifel an der Schuld der Arbeitssituation auszuräumen, hatte ein Mann vor seinem Suizid einen Brief aufgesetzt, in welchem er die Belastung durch die neuen Arbeitszeiten und die Versetzung in einen Vorort von Strassburg beklagt.


Steine gegen Scheiben statt um den Hals!

Eine fatale Tendenz: Auf das Unerträgliche der täglichen Plackerei und ihrer Verschärfung wird nicht mehr mit Verweigerung oder Aufbegehren reagiert, sondern mit der Liquidierung der eigenen Funktionsunfähigkeit in der Auslöschung der eigenen Person. Hierin zeigt sich – und das dürfte keine allzu neue Erkenntnis sein – die Verinnerlichung von Leistungszwängen und der Konsequenzen bei ihrer Nichterfüllung. Jeder sein eigenes «Staatssubjekt Kapital» würde Gehard Scheit heideggern und hätte damit zur Hälfte recht. Das Halbrichtige ist aber das ganz Falsche: Denn um den Schluss zu ziehen, dass bloss noch der Selbstmord einen Ausweg darstellt, ist ganz wesentlich die subjektive Perspektivenlosigkeit vorausgesetzt. Diese aber resultiert aus der praktischen Abwesenheit revolutionärer Perspektive. Oder anders gesagt: Der Grund, weshalb diese Leute nicht gegen das bestehende Elend aufbegehren, liegt weniger in ihrer subjektiven Einfühlung ins Kapital als vielmehr in der faktischen Unmöglichkeit den Zwängen zu entrinnen. Der Zynismus der Realität liegt darin, dass ganz offensichtlich viele Leute die täglichen Anforderungen ganz einfach nicht mehr aushalten aber in ihrer Vereinzelung keine kollektive Lösung mehr erkennen können und so den einzigen individuellen Ausweg aus der Totalität des Kapitals suchen: Den Tod.

Anmerkungen zum Hedonismus

Der Aufopferung für das Kollektiv und der buchstäblichen Lustfeindlichkeit manch alter und alternder Genossen, wurde vor noch nicht langer Zeit zu Recht die Frage nach den Bedürfnissen des Individuums entgegen gehalten. Was allerdings erstere in ihrer Selbstaufgabe für das quasireligiöse Projekt verfehlten, kehrten die anderen ins eben so Falsche um, indem sie die Vermittlung von Bedürfnis und Gesellschaft nicht mehr mitdachten. Dass manch einer dieser Kritiker die Kategorie des Individuums gar nicht mehr auf diese Gesellschaft bezog, ist einer jener Grundfehler, der sich über die Jahre zu Zusammenschlüssen wie der hedonistischen Internationale mit etlichen falschen und falscheren Sektionen entwickelt hat und seine reaktionärsten Auswüchse in der ästhetisch verschleierten Verachtung von Armut zeigt.


Das Glück des Einzelnen. Betrachtet aus der Vogelperspektive.

«Dem Hedonismus bleibt das Glück ein ausschliessend Subjektives; das besondere Interesse des einzelnen wird so, wie es ist, als das wahre Interesse behauptet und gegen jede Allgemeinheit gerechtfertigt. Das ist die Grenze des Hedonismus, seine Gebundenheit an den Individualismus der Konkurrenz. Sein Glücksbegriff kann nur durch die Abstraktion von der Allgemeinheit gewonnen werden. Das abstrakte Glück entspricht der abstrakten Freiheit des monadischen Individuums. (…) Der Hedonismus nimmt die Bedürfnisse und Interessen der Individuen als etwas schlechthin Gegebenes und an sich Wertvolles hin. In diesen Bedürfnissen und Interessen selbst steckt schon die Verkümmerung, Verdrängung und Unwahrheit, mit der die Menschen in der Klassengesellschaft aufwachsen.» (Onkel Marcuse; in «Kultur und Gesellschaft 1»)

Die hedonistische Ideologie übersieht die geschichtliche Bedingtheit des Individuums. Genauer: des bürgerlichen Individuums. Hier zeigt sich eine Wesensverwandtschaft mit dem antiautoritären Denken, so es nicht auf einer materialistischen Analyse der bestehenden Gesellschaft beruht. Wo erstere das Glück des Individuums ins Zentrum stellt, geht es dem zweiten vorallem um die Freiheit des Selben.

«Das moderne Individuum, entstanden erst in der Ablösung von der Enge der traditionellen Produktionsweisen, ist daher ein abstraktes gesellschaftliches Individuum, d.h. ein bloßes Geld-Subjekt. (…) Das Geld, obwohl der abstrakte, leere Selbstzweck entfesselter Warenproduktion, erscheint dem abstrakten Individuum, dem „nichts über sich“ geht, sogar als das bewusstlos vorausgesetzte Mittel, mit dem es sein Ich zur Geltung bringen muss. Der Antiautoritarismus oder die Ideologie des autonomen Individuums [und seiner hedonistischen Erfüllungs] ist so nichts, als der bewusstlose Reflex der bürgerlichen Subjekt-Entwicklung, der hoffnungslose Aufstand der abstrakten Geld-Subjektivität gegen sich selbst. Und doch liegt in diesem rebellischen Reflex noch ungetrennt ein emanzipatorisches Verlangen, das sich keinen adäquaten Ausdruck zu geben weiß. In jeder neuen Krisen-Epoche bürgerlicher, geldvermittelter Vergesellschaftung tritt daher auch die antiautoritäre Ideologie von neuem hervor, ohne doch je aus dem Gefängnis der warenlogischen Kategorien ausbrechen zu können, solange keine Transformation in eine konkrete Kritik der Warenform selber stattfindet.» (Aus: «Revolutionärer Funke – Zeitschrift gegen Ökonomie, Politik und Dressur» Nr. 9)

Das grunsätzliche Problem der hedonistischen Linken trifft eben auch die nicht-marxistische antiautoritäre Linke: Statt eine Kritik dieser Gesellschaft und ihrer Kategorien zu entwickeln, verstrickt man sich in selbige beim Versuch der Selbstbefreiung und Erfüllung seiner Bedürfnisse. Dies zeigt sich in der hedonistischen Denke nochmals an der Problematik, dass sich die Selbsterfüllung nur ausserhalb des Arbeitstrottes vollziehen kann. In der griechischen Antike entwickelt auf der Grundlage der personellen Trennung von Arbeit und Freizeit in Sklaven und Freie, wird er in einer das Arbeitsprinzip verallgemeinernden Gesellschaft zum schlichten Selbstbetrug und verbannt das Glück in eine besondere Sphäre. Dabei müsste eine revolutionäre Bewegung gerade auf die im Kapitalismus spezifische Form der Vermittlung von Arbeit und Freizeit wie auch von Individuum und Gesellschaft/Allgemeinheit abzielen.

Bis dahin hoffe ich, dass der Bierpreis sinkt und ich nach der fünten Nachtwache in Folge endlich mal wieder ausgiebig feiern kann. Prost!

Blogsport macht glücklich!

Durch eine Diskussion über das Glück kochender Frauen, bin ich kürzlich auf einen neuen Nachbarn gestossen: Kollege Picture the pursuit of happiness. Dieses besonders dummdreiste Exemplar der Gattung «Glücksforscher» hat es sich zur Aufgabe gemacht, «spannende Einsichten» aus dem Seminar «Ökonomie und Glück» an der Humboldt-Universität Berlin «seinen Lesern fotografisch näher zu bringen». Neben der Messung der Durchblutung von Hirnarealen und soziologischen «Glücksmessungen» beschäftigt sich die Glücksforschung wie in genanntem Seminar mit den Zusammenhängen von Ökonomie und Glücksgewinn.


Neuste Erkenntnisse der Glücksforschung: Arbeit macht glücklich! Beten macht frei!

Glücksforscher Jonathan, welcher sich auf Blogsport niedergelassen hat, zeigt in seinem Blog auf, was denn nun die Schlüsse jener Variante wissenschaftlicher Apologie sind: Konsumieren ohne sich über die Kohle gedanken zu machen, führt zum Glück! Wer fleissig arbeitet und sich mit seiner Arbeit identifiziert, ist glücklich! Wer brav in die Kirche geht und betet, wird glücklich! Eigentlich kann man diesen affirmativen Scheiss auf eine einfache Formel runterbrechen: Wer die Anfoderungen dieser Gesellschaft am meisten verinnerlicht, kommt mit den herrschenden Zuständen am besten klar. Und wenn man dann auch noch die esoterische Verklärung abstrakter Zwänge mitmacht, dann knallts aber vor «happiness»! Eine wahrlich bahnbrechende Entdeckung!

Wäre das ganze keine dermassen dümmliche Veranstaltung (und auf der Nachtwache nicht soviel los), könnte man sich auch mal noch Gedanken darüber machen, was denn eine Kategorie wie «Glück» überhaupt für einen Sinn macht. Und was das mit einer Gesellschaft zu tun hat, die alle abstrakt gleich macht um sie zugleich gegeneinander zu werfen.

Das Schöne am Materialismus

Die Bravo für Antideutsche und andere modebewusste Partygänger des amerikanischen Traumes behandelt in ihrer dritten Ausgabe die Zeitschrift «Brüche». Dieses unterdessen endgültig ihrem eigentlichen Bestimmungszweck zugeführte bedruckte Altpapier wurde in den Jahren 02/03 von zwei Provinz-Jugendlichen herausgegeben. Heute plaudert einer von beiden frei von der Leber, was seine Gesinnungsgenossen Mané, Lipstick oder Karwan erst durch Universitätsarbeiten und verklausulierte Blogeinträge durchscheinen lassen.


Gesunder Geist im gesunden Körper; Dolph Lundgrens Enkel, einer der Herausgeber von «Brüche»

In der ersten Brüche schrieb mein Herausgeberkollege Florian über die antisemitische Volksgemeinschaft, aber es war neben der inhaltlichen Auseinandersetzung ein wichtiges Style-Ding. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir mit den Linken abgeschlossen. Die und die Nazis behandelten wir nach dem Motto «Pack schlägt sich, Pack verträgt sich». Nur weil beide an einem unterschiedlichen Punkt starteten, ändert das eben nichts an der Tatsache, dass das Ziel das gleiche war: nämlich Deutschland, vermittelt durch den Faschismus.

Wir fanden uns und unsere Attitüde damals schon ganz geil. Es war rumgeprolle mit Theorie.

Aus dem Kapitalismus kommt man, als in sich selbst prozessierendes Subjekt, nicht so einfach raus, gerade das macht ja die Totalität des Kapitals aus. (…) Daher war unsere Frage: Was machen wir? Und die Lösung war: Wir machen eine Zeitschrift

Der Materialismus ist im Wesen einfach und erklärt sich, das ist ja das Schöne und ein Merkmal von Wahrheit, von selbst.

Folgerichtig hat der Materialismus damit die Wahrheit und so auch das Urteil über dieses Derivat der politischen Verblödung gesprochen. Um ihn noch zu ergänzen: Die hier behandelte «Strömung» als politisches Problem zu behandeln geht am Gegenstand vorbei. Stattdessen wäre damit umzugehen wie mit jeder Modebewegung jugendlicher Klugscheisser.