Archiv der Kategorie 'La crise existe'

Arbeit macht tot

Bei der französischen Telecom ist es in einer Phase der «Restrukturierung» des Unternehmens zu einer Selbstmordwelle gekommen: In den vergangenen 18 Monaten nahmen sich 23 Angestellte das Leben. Kürzlich stürzte sich eine 32-jährige Frau während der Arbeit aus dem Fenster. Ein Kollege hatte sich wenige Tage zuvor vor Mitarbeitern ein Messer in den Bauch gerammt, weil er einen anderen Posten übernehmen sollte. Und um jeden Zweifel an der Schuld der Arbeitssituation auszuräumen, hatte ein Mann vor seinem Suizid einen Brief aufgesetzt, in welchem er die Belastung durch die neuen Arbeitszeiten und die Versetzung in einen Vorort von Strassburg beklagt.


Steine gegen Scheiben statt um den Hals!

Eine fatale Tendenz: Auf das Unerträgliche der täglichen Plackerei und ihrer Verschärfung wird nicht mehr mit Verweigerung oder Aufbegehren reagiert, sondern mit der Liquidierung der eigenen Funktionsunfähigkeit in der Auslöschung der eigenen Person. Hierin zeigt sich – und das dürfte keine allzu neue Erkenntnis sein – die Verinnerlichung von Leistungszwängen und der Konsequenzen bei ihrer Nichterfüllung. Jeder sein eigenes «Staatssubjekt Kapital» würde Gehard Scheit heideggern und hätte damit zur Hälfte recht. Das Halbrichtige ist aber das ganz Falsche: Denn um den Schluss zu ziehen, dass bloss noch der Selbstmord einen Ausweg darstellt, ist ganz wesentlich die subjektive Perspektivenlosigkeit vorausgesetzt. Diese aber resultiert aus der praktischen Abwesenheit revolutionärer Perspektive. Oder anders gesagt: Der Grund, weshalb diese Leute nicht gegen das bestehende Elend aufbegehren, liegt weniger in ihrer subjektiven Einfühlung ins Kapital als vielmehr in der faktischen Unmöglichkeit den Zwängen zu entrinnen. Der Zynismus der Realität liegt darin, dass ganz offensichtlich viele Leute die täglichen Anforderungen ganz einfach nicht mehr aushalten aber in ihrer Vereinzelung keine kollektive Lösung mehr erkennen können und so den einzigen individuellen Ausweg aus der Totalität des Kapitals suchen: Den Tod.

Die Krise im Bild I

Detroit was the dazzling symbol of the American Dream City with its monumental skyscrapers and fancy neighborhoods.

The ruins of Detroit

Slavoj Žižek zur Krise

Kultur-Zeit auf 3Sat, das Magazin für den kritischen Bildungsbürger, strahlte kürzlich einen Beitrag über den streitbaren Philosophie-Showmaster Slavo Žižek aus. Der Selbstinszenierer und Analytiker nationaler WC-Schüsseln sagt darin einiges Schlaues – aber auch einigermassen Banales – zur Krise: Es sind nicht die Manager. Man muss sich von ideologischem Ballast befreien. Die Krise wird genutzt um Zumutungen zu legitimieren. Allerdings verliert Žižek kein Wort darüber, dass die zunehmenden Zumutungen gerade aus dem Zwang der Kapitalakkumulation notwendig sind. Statt dessen bleibt er gänzlich auf der ideologiekritischen Ebene. Er kann zwar nichts für die moderierenden Kommentare von Kultur-Zeit, diese erklären aber in vermeintlicher Übereinstimmung mit Žižek: «Die Politiker folgen der Religion des Marktes». Ganz so als wären die ganzen Institutionen des Staates nicht dazu da, die Akkumulation von Kapital auch in der Krise sicher zu stellen, sondern lediglich die Politiker auf die «Ideologie des Kapitalismus» reingefallen.


Keiner ist auf unserer Seite, der Benjamins Notbremse zieht!